Strafen oder im Zweifel für den Angeklagten
Mit diesem Thema wenden wir uns einem der schwierigsten in der Hundeausbildung zu, denn gerade das Strafen wird unter Hundehaltern
sehr leidenschaftlich diskutiert. Da gibt es die einen, die ihren Hund ganz ohne Strafe ausgebildet haben wollen und die anderen,
die dagegenhalten, dass ein Hund gar regelmäßige Bestrafung braucht, weil er sonst nicht wisse, wer der Chef sei.
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Die Wahrheit liegt wie so oft im Leben irgendwo in der Mitte.
Was ist eine Strafe?
Hier sollte man zunächst einmal einen Blick in die Lerntheorie werfen, in der man selten von Strafe redet, sondern eher den
Begriff der negativen Verstärkung findet.
Eine negative Verstärkung ist immer etwas, das ein Lebewesen vermeiden will. Das kann ein leichter aber störender Luftzug
sein oder auch ein Elektroschock. Bestärkt wird dass Lebewesen dann, wenn es dem unangenehmen Reiz ausweicht und dadurch wieder
Ruhe hat.
Beispiel:
Ein Hund versucht gerade einen heißen Braten vom Tisch zu klauen, dabei wird es sehr unangenehm heiß, wenn er den Braten
in die Schnauze nimmt. Erst, wenn er den Braten wieder los lässt, hört das unangenehme Brennen auf. In Zukunft wird er wegen
dieses Erlebnisses nichts mehr vom Tisch klauen.
Jetzt höre ich schon die ein oder andere Stimme sagen:
"Jaaa, aber mein Hund würde dann nur nichts heißes mehr klauen. An die kalten Sachen geht er trotzdem."
Andere sagen vielleicht:
"Mein Hund würde sich dem Tisch gar nicht mehr nähern oder vielleicht auch nicht mehr in das Zimmer gehen wollen."
Und wieder andere sind überzeugt, das würde ihren Hund nicht hindern, auch weiterhin ohne Vorsicht alles zu klauen, was
nicht niet- und nagelfest ist.
Wir haben also ein Problem:
Es ist absolut abhängig vom individuellen Hund, ob etwas überhaupt als Strafe wahrgenommen wird oder nicht und wie stark
es wahrgenommen wird. Es gibt nicht die Strafe schlechthin. Ein weiteres Problem ergibt sich daraus, dass man nie mit Sicherheit sagen
kann, was der Hund jetzt genau mit der Strafe verknüpft. Der eine Hund lernt „Heiße Sachen klauen ist schlecht.“,
er andere versteht „Tische sind böse.“ und wieder ein anderer möchte gar das Zimmer nicht mehr betreten, weil
es dort weh tut.
Hunde untereinander haben ein abgestuftes System des Strafens
Zuerst ist da oft nur ein intensiver, strenger, fixierender Blick und ein gaaanz langsames tiefes Luftholen. Dabei spannt sich
die Muskulatur an. Hunde sind dabei ganz ruhig! Man könnte es deuten als die Ruhe vor dem Sturm.
Versuchen Sie es einmal an sich. Fixieren Sie irgendeinen Punkt, denken Sie sich das er irgendetwas Schlimmes getan hat ;-) und werden
Sie wütend auf diesen Punkt. Fast automatisch atmen wir dabei tiefer und spannen uns an.
Sehr viele Hunde sind davon schon unglaublich beeindruckt. Man kann es ganz gut an einem Hund ausprobieren, indem man ein Leckerchen
so hinlegt, dass er es erreichen könnte. Wenn er einen Versuch macht in die Nähe zu kommen, rufen Sie nicht wild gestikulierend
„Pfui, Aus!“ sondern machen oben genannte Übung.
Vorsicht!
Diese Übungen auf keinen Fall machen, wenn Sie Ihr Hund irgendwann schon einmal angeknurrt oder gar nach Ihnen geschnappt
hat! Auch wenn es nach nicht besonders viel aussehen mag, es ist eine starke Drohung und kann "problematische" Hunde zu
einem Angriff herausfordern! Sprechen Sie bitte immer Ihren Trainer an, wenn Sie sich nicht 100%ig sicher sind.
Wenn das Gegenüber des Hundes auf die erste Stufe nicht reagiert, wird das Atmen noch tiefer und die Anspannung noch größer.
Es entsteht ein dunkles lang gezogenes Knurren. Das mehrmals zu hören ist.
Auch das können Sie ausprobieren. Wenn Ihr Hund auf die Übung 1 nicht reagiert, lassen Sie ein dunkles Knurren hören.
Wenn Sie das mit dem Knurren nicht ganz so gut können ;-), dürfen Sie auch gerne ganz ruhig, langsam und tief „Nein“
oder „Naaa“ sagen.
Im nächsten Schritt beginnt der Hund die Zähne zu fletschen. Zunächst nur leicht, dann immer stärker. Viel
Spaß beim Probieren und immer bedenken: "Lachen verboten!" ;-)
Es gibt wirklich nur sehr wenige Hunde, die einem Gegenüber, das sich so verhält dann noch zu nahe kommen. Entweder sind
sie schlecht sozialisiert, das heißt, sie kennen Drohungen gar nicht, oder sie sind sehr selbstbewusst und lassen sich auf das
was dann folgt ein.
Erst als allerletzten Ausweg wird ein Hund körperliche Gewalt einsetzten. In der ersten Stufe ist selbst das oft nur ein
drohendes Schnappen in den Halsbereich, verbunden mit einem Kläffen.
Wenn Ihr Hund auch jetzt noch Anstalten macht, an das Leckerchen heran zu gehen, dann können Sie dieses schnelle Vorstoßen
und Schnappen nachahmen, indem Sie Ihren Hund schnell und nur kurz seitlich in die Hals zwicken. Danach ist jedem Hund klar, wem das
Leckerchen gehört.
Richtige Beißereien sind unter Hunden eines Rudels äußerst selten. Denn jedes verletzte Rudelmitglied würde
die Chance, bei der nächsten Jagd Beute zu machen, verringern. Sehr häufig verlässt einer der Kontrahenten nach dem
ernsthaften Kampf das Rudel für immer.
Wie Hunde untereinander sollten wir deshalb auch sehr vorsichtig sein mit dem Strafen und möglichst immer bei Stufe 1 anfangen
und uns langsam steigern. So können Sie sichergehen, dass Sie einen sensiblen Hund nicht mit zu harten Maßnahmen strafen
und ihn gar verunsichern.
Vorsicht!
Grundsätzlich sollten Sie sich niemals auf eine körperliche Auseinandersetzung mit Ihrem Hund einlassen! Versuchen
Sie nie, ihn gegen seinen Willen auf den Rücken zu werfen, wie es leider immer noch oft empfohlen wird, oder ihn mit Zwang in
einer Position zu halten, aus der der Hund hinaus möchte.
Was sollte man noch bedenken
Nehmen wir ein anderes Beispiel:
Der Hund setzt sich auf Kommando nicht hin, er bekommt einen leichten Schlag auf den Hintern und weil er nun das Stehen als unangenehm
empfindet sucht er sich eine andere Position wie z.B. das „Platz“. Wenn er jetzt das Liegen wieder unangenehme gemacht
bekommt (durch Leinenruck), wird er wieder eine neue Position ausprobieren wie z.B. „Sitz“.
Es gibt leider immer noch Hundebesitzer, die Ihre Hunde nach diesem Prinzip ausbilden. Diese Methode bringt jedoch einiges an Nachteilen
mit sich.
- Der Hund kann nicht wissen, was von ihm verlangt wird. Er ist verunsichert und muss diverse Positionen ausprobieren, bis er bei
der richtigen angelangt ist.
- Die Beziehung Mensch-Hund kann dadurch sehr stark geschwächt werden. Der Hund beginnt dem Menschen zu misstrauen.
- Der sensible Hund hat oft Angst, die Position, die scheinbare Sicherheit verspricht, wieder zu verlassen. Ihm wird so die geistige
und körperliche Freiheit genommen.
- Der Hund wird noch weiter verunsichert, wenn man ihm plötzlich andere Kommandos wie
z.B. „Platz“ beibringen möchte. Diese Haltung war vorher doch schmerzhaft.
- Dem Hund macht das Arbeiten definitiv keinen Spaß. Es bereitet ihm Stress. Unter starkem Stress kann man nicht lernen, das
ist inzwischen eindeutig bewiesen!
- Man weiß nie mit welchen Dingen der Hund die Strafe noch verbindet. Wir können ja nicht in ihn hinein gucken. Sehr
viele Hunde lernen so, dass bei einem bestimmten Kommando, eine bestimmte Position nur dann unangenehm ist, wenn der Hund sich in
der Nähe des Besitzers befindet. Ist er 5 Meter weiter weg, bekommt er keinen Schlag und es gibt so auch keinen Grund „Sitz“
zu machen. Andere Hunde verbinden dann mit dem Hundeplatz etwas Negatives oder mit bestimmten Personen, die bei der Strafe anwesend
waren.
Bestrafung sollte immer das letzte Mittel der Wahl sein!
Wenn wir anstatt mit negativer Verstärkung mit positiver Verstärkung arbeiten, entfallen all diese Punkte. Das Argument,
dass die Ausbildung mit positiver Verstärkung länger dauert als mit negativer, ist in nicht belegbar.
Fazit
Einen Hund ganz ohne Bestrafung zu erziehen ist (fast) unmöglich.
Erfahrungsgemäß braucht man Bestrafung aber tatsächlich nur an den Stellen, wo auch ein Hund sie einsetzten würde,
um sich einem anderen Hund verständlich zu machen. Es sind Sachen wie:
"Lass das sein!", "Lass mich in Ruhe!", "Geh da nicht dran!", "Geh mir aus dem Weg!"
"Sitz", "Platz", "Fuß" und Co kommen als Kommandos unter Hunden nicht vor. Diese Kommandos
kann man absolut ohne jede Strafe lehren.
Eine Ausnahme, die diskutiert werden könnte, ist das Kommen bei Hunden, die z.B. einen sehr ausgeprägten Jagdtrieb haben.
Hier muss man genau abwägen, ob man den entsprechenden Hund auch dann auslasten könnte, wenn er für den Rest seines
Lebens an der Leine laufen muss oder ob es dann vielleicht besser sein könnte, ihn ganz eindeutig zu bestrafen, wenn er nicht
gehorcht.
Diese Art von Training sollte man jedoch immer in Zusammenarbeit mit einem erfahrenen Hundetrainer machen und auf keinen
Fall „nur mal so“ ausprobieren.
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